Die Fuge ist eine typische Musikgattung des Barocks (1600-1750). Wenn wir barocke Musik verstehen wollen, kommen wir nicht umhin, uns mit dieser Musikgattung zu beschäftigen. Die Fuge ist ein mehrstimmiges Instrumental- oder Vokalstück mit meist 3 oder 4 Stimmen. Sie ist ein typisches Beispiel für polyphone Musik, Musik mit mehreren gleich wichtigen Stimmen. Ihre beispielhafte Gestalt erhielt die Fuge in der Zeit Johann Sebastian Bachs (1685-1750). Ihr strenges und zugleich phantasievolles Ordnungsprinzip galt als Abbild einer höheren Weltharmonie.

Als Höhepunkt gilt Bachs Wohltemperiertes Klavier und seine Kunst der Fuge, beides große Fugensammlungen. Seither galt die Fuge we­gen ihrer Kunstfertigkeit als Lehr- und Probestück jedes angehenden Komponisten.

Wir wollen uns die Gestaltung einer Fuge an dem Beispiel der Fuge BWV 847 aus dem Wohltemperierten Klavier von J. S. Bach verdeutlichen. Es handelt sich um eine dreistimmige Fuge. Im Notenbild sind die Stimmen auf drei Notenzeilen verteilt. Jede Fuge beginnt mit einem charakteristischen Thema (im Notentext rot gekennzeichnet). Dieses Thema kehrt auf verschiedenen Tonstufen abwechselnd in den drei Stimmen wieder. Nachdem das Thema vorgestellt wurde, gesellt sich zu ihm eine Gegenstimme, auch Kontrapunkt genannt (im Notentext grüne Farbe). Die Motive dieser Gegenstimme, die abwärtsführende Sechzehntelfolge wie auch die Achtelkette, lassen sich aus dem Thema gewinnen. Beim dritten Themeneinsatz kommt noch ein weiterer Kontrapunkt dazu (im Notentext blaue Farbe). Da die beiden Kontrapunkte in der ganzen Fuge die gleichen sind, spricht man von einer Fuge mit beibehaltenem Kontrapunkt. Eine solche ist natürlich sehr viel übersichtlicher als eine Fuge, bei der die Kontrapunkte immer anders gestaltet sind. Die Teile, in denen das Thema gespielt wird, nennt man Durchführung. Eine Fuge setzt sich also aus mehreren Durchführungen zusammen. Zumindest die erste, auch Exposition genannt, muss vollständig sein, das Thema muss in allen Stimmen gespielt werden. Die anderen Durchführungen sind meist unvollständig. Zwischen die einzelnen Durchführungen sind Zwischenspiele eingeschoben, de­ren Tonmaterial meist vom Thema und von den Kontrapunkten abgeleitet ist (im Notentext sind diese Teile mit Rechtecken in der entsprechenden Farbe gekennzeichnet). Häufig spielen dabei die ersten Noten des Themas, die ein zusammenhängendes sinnvolles Motiv ergeben, eine wichtige Rollen. Dieses Anfangsmotiv nennt man Themenkopf (rotes Rechteck).  Auch zwischen Themeneinsätzen innerhalb einer Durchführung können Zwi­schenspiele eingeschoben werden. Wiederholt sich ein Motiv hintereinander auf verschiedenen Tonstufen, nennt man dies eine Sequenz. Wiederholt sich ein Motiv nacheinander in verschiedenen Stimmlagen, bezeichnet man dies als Imitation. Verläuft ein Motiv zunächst aufsteigend, dann später absteigend, nennt man dies eine Umkehrung. Eine Umkehrung spiegelt ein Motiv waagrecht (man müsste unter die Noten waagrecht einen Spiegel halten).

In komplizierteren Fugen gibt es auch senkrechte Spiegelungen, dann verläuft ein Thema von der letzten Note bis zur ersten, also rückwärts. Man nennt diese Spiegelung Krebs. Ebenso kann, wie in einem Kanon, in einer Stimme das Thema beginnen, bevor es in einer anderen zu Ende ist. Dies bezeichnet man als Engführung. Weiterhin können die Notenwerte eines Themas verdoppelt oder auch halbiert werden.

Das Thema, dann die erste Gegenstimme (grün) und die zweite Gegenstimme (blau) werden zunächst einzeln vorgespielt. Wir hören uns dann die Fuge an und verfolgen die Themeneinsätze (rot). Beim zweiten Hören beachten wir auch die anderen Stimmen und das Ineinandergreifen der Motive.